8.02.2012 - WEF-Tag im Tierspital: 80 Prozent der Pferde sind überfüttert
Der Verband Ostschweizer Kavallerie- und Reitvereine OKV veranstaltete am vergangenen Samstag im Tierspital Zürich den «WEF-Tag Pferdeernährung». Unter der Leitung von Prof. Dr. med. vet. Michael Hässig galt es, sich ein besseres Bild des Verdauungsapparates des Pferdes zu verschaffen, die Futterprodukte unter die Lupe zu nehmen sowie über die Fütterung im Allgemein etwas Klarheit zu erhalten.

Professor Dr. med. vet. Michael Hässig

Dr. med. vet. Brigitta Wichert

Gudrun Fechner erklärte, wie man den Wassergehalt im Heu feststellen kann

Eine Teilnehmerin schätzt das Gewicht eines Heuballens ein (Fotos: Melina Haefeli)
von Melina Haefeli
Der Kurs bestand aus einem theoretischen Teil und drei praktischen Posten. Michael Hässig leitete sein Referat mit einem Zitat von Professor Marcel Wanner ein: «Bevor wir im Milligramm-Bereich korrigieren, muss der Kilogramm-Bereich stimmen.» So fasste er auch gleich die Fütterung eines Pferdes zusammen mit den Angaben, dass ein durchschnittliches Pferd täglich rund sieben bis neun Kilogramm Heu (Trockensubstanz), zwei bis acht Kilogramm Hafer und 20 bis 30 Liter Wasser zu sich nehmen sollte. Wobei die Obergrenze bei Hafer sehr hoch bemessen sei. «80 Prozent der Pferde in der Schweiz sind überfüttert», verdeutlichte Hässig. Anschliessend erläuterte er die Länge und das Volumen der einzelnen Verdauungsorgane sowie die Dauer der Nahrungspassage, die mit 35 bis 50 Stunden beträchtlich ist. Dazu fügte er auch gleich ein Beispiel an: «Jeder, der seinem Pferd am Tag vor dem Turnier noch etwas ‘Extra-Energie’ verschaffen möchte und noch Hafer nachschüttet, zwingt seinen Partner dazu, nur noch mehr mit sich rumzuschleppen.»
Weiter erklärte Michael Hässig die Grundlagen der Fütterung: Futter besteht einerseits aus Energie, die für Kraft, Ausdauer und Leistung sorgt und andererseits aus Protein, das für die Gesundheit, die Muskeln und die Verarbeitung der Energie notwendig ist. Er erklärte den Erhaltungsbedarf, der von Grösse, Gewicht und Alter abhängt und den Leistungsbedarf, welcher der Art der Leistung und der Länge der Leistung untersteht. Hässig vertiefte das Ganze mit Beispielen, die man auf das individuelle Pferd anwenden kann und händigte den Teilnehmern dazu einen spezifischen Fütterungsplan aus, der sich fürs eigene Pferd einfach berechnen lässt.
Anschliessend referierte Dr. Brigitta Wichert, Oberassistentin am Institut für Tierernährung, und führte andere Themenbereiche aus: die Kohlenhydrat-, Fett- und Eiweissverdauung des Pferdes und bestimmte Grundregeln, die man einhalten sollte sowie Fehler, die zu vermeiden sind. Sie legte den Teilnehmenden vor allem die Vorzüge des Rauhfutters nahe und sagte dazu unter anderem: «Pferde überleben nicht ohne Rauhfutter, ohne Kraftfutter aber schon.»
Informative Fragerunde und sinnvolle Posten
Bevor es zum praktischen Teil überging, bekamen die Teilnehmenden die Möglichkeit, Fragen zu stellen, die ausführlich und mit viel Kompetenz beantwortet wurden.
Beim ersten Posten ging es darum, Futtergewicht abzuschätzen. «Jetzt haben wir viel über Kilogramm gesprochen. Doch wie schwer ist eigentlich ein Ballen oder eine Scheibe Heu? Oder ein Liter von diesem Kraftfutter?», leitete Hässig ein. Die Teilnehmenden schätzten ab und konnten sich selbst anhand einer Waage kontrollieren.
Hygienische Qualität steht an erster Stelle
Auch die Qualität des Futters wurde im Theorieteil sehr ausführlich beschrieben. Doch wie erkennt man die tatsächliche Qualität von Heu oder Silage? Gudrun Fechner, Doktorandin am Institut für Tierernährung, stellte verschiedene Proben bereit und erklärte, auf was man achten sollte. Sie beschrieb, wie man die Zusammensetzung oder das Vegetationsstadium erkennt und vor allem, was dies bedeutet. Sie führte aus, was man mit einem Griff merkt oder was einem der Geruch und die Farbe des Heus zu verstehen geben.
Am dritten Posten lernte man die Futterbeipackzettel zu interpretieren. Was bedeuten die vielen Informationen darauf? Man suchte ein Ergänzungsfuttermittel aus und ging dann die einzelnen Details mit Brigitta Wichert durch. Sie schaffte Klarheit: Welche Vitamine sind für was gut? Welche Inhalts- oder Zusatzstoffe sind mit Vorsicht zu geniessen?
Am Ende verliessen alle Kursbesucher mit einem zufriedenen Gesicht den Hörsaal im Tierspital. «Dieser Kurs war sehr aufschlussreich. Es gefiel mir vor allem, dass er nicht nur aus Theorie bestand, sondern auch aus einem praxisbezogenen Teil. Anhand von diesen Beispielen konnte man sich alles besser vorstellen und hat die Komplexität des Themas Ernährung etwas aufgelockert», lobte ein Kursteilnehmer. Auch Ruedi König, verantwortlicher OKV-Funktionär, bilanzierte zufrieden: «Bis jetzt erhielt ich nur positives Feedback. Wir hatten rund 70 Anmeldungen.»
Kursunterlagen Fütterung von Prof.Dr.med.vet. Michael Hässig
Futterplan von Prof.Dr.med.vet. Michael Hässig
